Schatzsuche
Sergej ist die Hauptfigur dieser Geschichte. Wäre sie von Ivan Turgenev
geschrieben, wäre wohl auf die folgenden drei Seiten verteilt, dass Sergej Ende
der Siebziger Jahre nach Kuba gekommen und nach der Perestrojka einfach dort
geblieben war, aber ich kann das auch kürzer: Sergej war Ende der Siebziger
Jahre nach Kuba gekommen und nach der Perestrojka einfach dort geblieben. Nach
Ausbildungen als Tabakpflanzer, Tabakpflücker und Zuckermüller sowie einem
Studium der Zahnmedizin arbeitete er inzwischen als Taxifahrer.
Eines Abends stand er mit dem Wagen am José Martí International Airport in
einer Schlange und erwartete Fahrgäste aus den frisch angekommenen Flugzeugen.
Ein dicklicher Mann mit sehr weiter Stirn winkte, Sergej fuhr vor und stieg
aus, um ihm mit dem Gepäck behilflich sein zu können. Dann, zurück im Inneren
des Autos, fragte er, wohin die Reise gehen sollte.
„Hotel Habana Libre.“, sagte der Mann.
Während der Fahrt in die Stadt versuchten beide, miteinander ein Gespräch
anzufangen; dies erwies sich als durchaus nicht einfach, denn Sergej sprach nur
Russisch und Spanisch, der Fahrgast aber gar kein Russisch und nur sehr
holpriges Spanisch. Wie sich herausstellte, kam der Mann aus Deutschland.
Sergej floskelte, dass das ein sehr schönes Land sein solle, er aber noch nie
dort gewesen sei, der dickliche Mann floskelte zurück, dass Russland ebenfalls
sehr schön sein solle, „besonders die Frauen“, er aber noch nie dort gewesen
sei. Dann machte er Sergej ein großzügiges Angebot:
„Wollen Sie sich hundert Dollar verdienen?“
Natürlich wollte Sergej das. „Natürlich!“
„Ein sehr guter Freund hat mich gebeten, ihm eine echte kubanische Zigarre
mitzubringen. Das alleine wäre ja kein Problem, aber er hat sich in den Kopf
gesetzt, dass sie auf dem Schoß einer Jungfrau gedreht sein soll. Auf den
Zigarrenkisten steht so was ja nie drauf.... aber einem guten Freund kann man
ja mal eine Freude machen – können Sie mir da helfen?“
Eine Jungfrau zu finden, das hielt Sergej für schwierig. Ein Pinguin, eine
persische Bibelübersetzung oder ein regierungsfeindliches Flugblatt, glaubte
er, waren in La Habana einfacher zu bekommen. „Kann es kein Pinguin sein?“
„Der hat keine Arme“, entgegnete der Fahrgast, „also ist er für mich
unbrauchbar. Außerdem ist ein Pinguin keine Jungfrau, oder?“
„Aber eine kubanische Zigarre, die von einem Pinguin gedreht wurde, wäre
doch etwas viel Besondereres als eine von einer Jungfrau, oder?“
„Mein Freund will aber eine von einer Jungfrau, also soll er auch eine
kriegen! Sie müssen ja keine hundert Dollar kriegen, wenn Sie nicht wollen!“
Sergej wollte aber. Er brachte den Deutschen in sein Hotel, unweit der
größten Eisdiehle der Welt, und der Mann verriet ihm seinen Namen, damit er
gegebenenfalls dort nach ihm fragen oder ihm eine Zigarre vorbeibringen konnte.
Danach hatte Sergej Feierabend und fuhr nach Hause zu seiner Frau. Er
erzählte ihr von dem Mann, den er gerade transportiert hatte. Sie begann zu
schimpfen:
„Du Idiot! Wir sind jetzt schon so lange verheiratet, und in all den Jahren
hast du mich kaum angerührt! Wenn du dir die paar Male auch noch verkniffen
hättest, dann könnte ich dem Typ jetzt eine Zigarre drehen, und wir hätten
hundert Dollar mehr, das ist eine Menge Geld!“
Er wollte etwas erwidern, doch ihm fiel nichts ein.
Ein paar Tage später brachte Sergej zwei kanadische Touristen nach Viñales, ein kleines Dorf in der Provinz Pinar del Río. Die Fahrt dauerte etwa
drei Stunden. Als er die beiden bei ihrem Hotel ablieferte und ihre Koffer
auslud, tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter.
„¡Hola, Sergej!”
Es war Miguel, ein alter Freund, der in Viñales
eine Casa Particular betrieb, eine Art Privatpension. Die beiden unterhielten
sich über dies und jenes, und schließlich kam Sergej auf den seltsamen Wunsch
seines deutschen Fahrgastes zu sprechen.
„Komischer Typ.“, sagte Miguel. „Aber vielleicht kann ich dir helfen.“
„Wirklich?“
“Ja. Mein Schwager, Diego, hat eine Casa Particular dort drüben in der Calle
Camilo Cienfuegos, und er hat mir gestern ganz amüsiert erzählt, dass bei ihm
gerade eine Dänin wohnt, die Zigarren drehen kann.“
„Wie das?“
„Sie war schon mal in Kuba und hat da einen Kurs für Ausländer belegt. Du
weißt schon...“
Sergej schmunzelte. „Ist sie eine Jungfrau?“
„Das weiß ich wirklich nicht. Aber frag’ sie doch!“
Sergej fuhr zum Haus von Diego. Dort erfuhr er, dass die Dänin am Vormittag
zu Fuß zur Cueva del Indio aufgebrochen war, einiger Kilometer nördlich von Viñales. Erließ sich beschreiben, was für eine Kleidung die Frau beim Fortgehen
getragen hatte und fuhr die Landstraße entlang in Richtung Norden.
Auf dem Weg zur Cueva del Indio sah er sie nicht. Dort angekommen, fragte
er die Kellner des Restaurants und die Eintrittskartenverkäuferin, aber niemand
konnte mit der Beschreibung etwas anfangen. So fuhr er noch ein Stück weiter,
in Richtung Puerta de Esperanza.
Irgendwann sah er rechts des Weges, an einem kleinen Bächlein, eine Person
stehen, auf deren Kleidung Diegos Beschreibung genau passte.
„Wohnen Sie in Viñales?“, fragte er.
Die Frau drehte sich um. So stellte er sich eine Dänin vor. „Ich brauche
kein Taxi, danke!“
„Sind Sie Dänin?“
„Woher wissen Sie das?“
Und er erzählte vom Schwager seines Freundes, der ihm von ihr erzählt hatte
und so weiter.
„Und warum suchen Sie mich hier?“
Und er erzählte von dem dicklichen Deutschen, dessen extravaganten Wunsch
und den hundert Dollar, von denen er sich wünschte, dass sie den Besitzer
wechseln würden.
Die Frau lachte. „Ich kann Ihnen gerne eine Zigarre drehen, wenn Sie
wollen....“
„Vielen Dank!“
„....aber nur unter einer Bedingung!“
„Und die wäre?“
„Dass weder Sie noch Ihr Schwager, noch dessen Freund, noch ihr seltsamer
Fahrgast noch sonst irgendjemand versucht, etwas daran zu ändern, dass ich
Jungfrau bin!“
„Sind Sie denn eine?“
„Ja!“
„Sie sehen gar nicht so aus...“
„Was soll denn das heißen?“
„Ich meine, eine so gut aussehende Frau wie Sie...“
Die Frau lachte wieder. „Oh, Sie Schmeichler!“ Dann wurde sie wieder ein
bisschen ernster. „Also, ich kann Ihnen gerne eine Zigarre drehen, wenn Ihnen
das hilft, aber dazu brauche ich eben eine Tripa, einen Capote und eine Capa.“
Sergej hatte von den Fachbegriffen der Zigarrendreher keine Ahnung. „Wissen
Sie was? Ein Freund von mir arbeitet in Pinar del Río, in der Fábrica de
Tabacos Francisco Donatien. Ich werde da was arrangieren.“
„Nach Pinar del Río wollte ich morgen sowieso fahren.“
„Prima! Ich fahre Sie hin!“
Den Rest des Tages verbrachte er also mit Chauffeurdiensten in der Gegend,
abends rief er Ulises anm seinen Freund in Pinar del Río, und verabredete alles
für den kommenden Tag. Die Nacht verbrachte er im Haus von Miguel.
Am nächsten Tag, kurz bevor Sergej die Dänin abholen wollte, sagte Miguel:
„Sergej, du weißt, wir sind gute Freunde, und ich helfe dir gerne. Aber,
wenn ich dir in dieser Sache geholfen habe, kannst du mich dann irgendwie am
Gewinn beteiligen? Du weißt, die Zeiten sind hart.“
Sergej fasste das als Argument auf und versprach Miguel zehn Dollar – „wenn
jetzt nicht Diego auch ankommt und auch zehn Dollar haben will.“
„Nein, nein, keine Angst! Diego weiß ja gar nichts davon.“ Er fasste sich
mit dem Zeigefinger ans Auge. Dann fuhr Sergej los. Die Frau aus Dänemark
wartete schon. Sie fuhren etwa eine halbe Stunde lang über die grünen Hügel der
Provinz Pinar del Río.
In der Provinzhauptstadt angekommen, brachte er die Frau zur
Zigarrenfabrik. Während sie beschäftigt war, nahm Ulises Sergej ein Stück
beiseite und sagte leise: „Sergej, wir beide, du und ich, sind gute Freunde,
das wissen wir beide. Und wenn ich dir helfen kann, dann tue ich das gerne.
Aber du weißt auch, die Zeiten sind hart, seit deine Landsleute kein
Gegengewicht zur US-Blockade mehr schaffen. Und wenn ich dir schon helfe, so
viel Geld zu verdienen, kannst du mir dann nicht ein bisschen davon abgeben?“
Sergej bot ihm fünf Dollar an. Miguel fragte höflich, ob es nicht auch zehn
sein konnten, und sie einigten sich schließlich auf sieben.
Als die Dänin fertig war, gab sie Sergej die Zigarre, und er fuhr sie
weiter durch die Stadt, zum Museo Provincial de Historia und zum Museo de
Ciencias Naturales Sandalio de Noda. Dann brachte er sie zurück nach Viñales. Vor der Kirche ließ er sie aussteigen. Als sie bezahlen sollte, sagte
sie:
„Jetzt habe ich ja auch was für Sie gemacht, kann man da vielleicht....“
„Ja...“, sagte Sergej, „...ja, Sie haben ja recht. Aber, Sie wissen, die
Zeiten sind hart, deshalb kann ich Ihnen leider allerhöchstens eine Ermäßigung
anbieten.“
„Gut. Sagen wir: halber Preis?“
Und so musste sie statt 19,80$ nur 9,90$ zahlen. Und statt 9,90$ zahlte sie
zehn Dollar.
Am Abend kam Sergej wieder zurück nach La Habana. Als seine Frau ihn sah,
zeigte sie ihm eine Zigarre und erzählte aufgeregt:: „Sieh mal, was ich hier
habe! Ich habe meiner Freundin Daysi von deinem komischen Kunden erzählt, und
sie hat doch eine Tochter, Ana, die ist dreizehn, aber Zigarrendrehen hat sie
schon gelernt.“ Sie lächelte. „Ja, und da hab’ ich die her. Daysi hat natürlich
darum gebeten, dass wir sie am Gewinn beteiligen, und da habe ich natürlich
zugesagt und ihr fünfzehn Dollar versprochen. Ich dachte mir, du wirst schon
nichts dagegen haben.“
Sergej stellte kurz aus dem Stegreif eine Rechnung auf, wem er wie viel von
dem verdienten Geld abgeben musste, und wie viel unter dem Strich noch übrig
bleiben würde.
„Ich glaube nicht, dass dieser Typ blöd genug ist, zwei Zigarren zu diesem
hohen Preis zu kaufen. Aber ich probier’s mal.“
Am darauf folgenden Vormittag fuhr Sergej wieder zum Habana Libre. Der
Mann, mit dem er sprechen wollte, kam gerade zur Tür heraus. Sergej winkte ihm
zu, und der Deutsche setzte sich zu ihm ins Taxi. Sergej erklärte ihm die
Situation, und der Mann begann zu lachen.
„Oh, nein, tut mir leid, aber zwei von den Dingern kaufe ich sicher nicht.
So ein guter Freund ist das auch wieder nicht...“
Er kaufte ihm eine ab, schüttelte Sergej noch einmal die Hand, bedankte
sich für die Mühe, und bevor Sergej noch befürchten konnte, dass der Typ einen
Nachweis für die Unberührtheit der Zigarrendreherin verlangen könnte, ging
dieser wieder zurück in die Hotellobby.
Sergej steckte die vielen Geldscheine in seine Hosentasche.
„Spinner!“, sagte er leise, fuhr los und zündete sich eine Zigarre an, die
auf dem Schoß einer Jungfrau gedreht worden war.